Verhaltenstherapie

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Ein erster Eindruck

Von: Heinz-Gerd Reinkenhoff, Diplom-Psychologe; © Copyright 1997 - 2009. Alle Rechte vorbehalten.
Institut für Angewandte Psychologie u. Psychotherapie, Hofkamp 86, D-42103 Wuppertal

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Die Entstehung der Verhaltenstherapie hing einerseits mit der Unzufriedenheit über die vorherrschende Psychoanalyse und andererseits mit der Anwendung experimenteller wissenschaftlicher Ergebnisse auf die Erklärung und Behandlung seelischer Störungen zusammen. Man interessierte sich dafür, wie sehr Lernprozesse und die Umwelt einen Einfluss auf menschliches Verhalten und Erleben haben. Heute umfasst die Verhaltenstherapie ein breites Spektrum von Techniken, deren Grundlage Lerngesetze, Erkenntnisse aus der Experimental- und Sozialpsychologie sowie medizinische Erkenntnisse über den Körper sind. Man hat der Verhaltenstherapie den Vorwurf gemacht, sie sehe den einzelnen Menschen als jemanden, der mechanisch auf Konsequenzen in Form von Belohnungen oder Bestrafungen reagiert oder der ein Opfer körperlicher Reflexe ist. Heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts vertritt die Verhaltenstherapie ein ganzheitliches Bild des Menschen. Dabei ist von besonderer Bedeutung, daß der Klient als der Experte seiner Probleme gesehen wird. Der Therapeut bezieht die Entwicklungsgeschichte, Umwelteinflüsse und gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit in seine Therapieplanung ein. Er fragt dabei nicht nur einseitig nach den Problemen sondern auch nach Ressourcen und Stärken. Der Begriff "Verhaltenstherapie" führt insofern in die Irre, da er das Augenmerk ausschließlich auf das Verhalten lenkt. In der Verhaltenstherapie steht aber heute die Untersuchung des Verhaltens gleichrangig neben der Betrachtung von Denken, Gefühlen und körperlichen Prozessen. Verhaltenstherapie legt dabei besonderen Wert auf die Überprüfung der Wirksamkeit der angewandten Methoden. Ein herausragendes Ziel besteht darin, eine Hilfestellung zur Selbsthilfe und Selbstkontrolle zu geben. Zu Beginn einer Therapie ist eine Klärung über die gemeinsam zu erarbeitenden Ziele erforderlich. Die Kognitive Verhaltenstherapie, die gesondert besprochen wird, wird heute als Teil der Verhaltenstherapie verstanden.

Anhand der folgenden Darstellung wesentlicher verhaltenstherapeutischer Techniken soll ein Eindruck über diese weit verbreitete Therapieform vermittelt werden:

SYSTEMATISCHE DESENSIBILISIERUNG    REIZKONFRONTATION
METHODEN DER SELBSTSTEUERUNG TRAINING SOZIALER KOMPETENZ.

 

SYSTEMATISCHE DESENSIBILISIERUNG

Die Systematische Desensibilisierung ist wohl das bekannteste Verfahren der Verhaltenstherapie. Ihr Erfinder JOSEF WOLPE setzte sie besonders bei Ängsten ein. Der Klient erlernt zunächst eine Entspannungstechnik, in der Regel die Progressive Muskelentspannung oder das Autogene Training. Nach 3 bis 4 Wochen regelmäßigen Übens ist er so in der Lage, sich selbständig relativ schnell in einen Entspannungszustand zu versetzen. Während der Klient das Entspannungsverfahren lernt, bespricht der Therapeut ausführlich unterschiedliche Situationen, die zu Angst führen und bildet daraus eine Angsthierarchie. Dann lernt der Klient, sich zunächst bei der Vorstellung einer nicht beängstigenden Situation "auf Kommando" zu entspannen. Anschließend wird er gebeten, sich eine leichte Angstreaktion vorzustellen. Dabei schaltet er wieder auf Entspannung um. Wenn er sich bei der Vorstellung einer leichteren Angstsituation gut entspannen kann, wird zu einer etwas stärker ängstigenden Situation übergegangen. In der Hierarchie wird immer höher gegangen, bis er sich auch bei der schwierigsten Situation entspannen kann. Zeitlich versetzt zur Bewältigung beängstigender Szenen in der Vorstellung wird die Bewältigung realer Situationen eingeübt. Die Systematische Desensibilisierung ist bei der Behandlung von Ängsten sehr effektiv; sie kann bei praktisch allen Störungen eingesetzt werden, wo Angst eine irgendwie geartete Rolle spielt. Der Therapeut wird aber besonders bei phobischen Ängsten (= Ängste vor bestimmten Objekten, z.B. Angst vor Tunneln) möglicherweise ein anderes Verfahren der Reizkonfrontation vorziehen.

REIZKONFRONTATION

Es gibt verschiedene Techniken zur Konfrontation eines Klienten mit einem von ihm gefürchteten Objekt, wie zum Beispiel das Fahren eines Aufzugs. Diese unterscheiden sich darin, ob sie stufenweise oder massiv und ob sie in der Vorstellung oder in der realen Situation durchgeführt werden. Wenn jemand über einen längeren Zeitraum eine bestimmte Situation vermieden und dabei zusätzlich Erwartungsängste aufgebaut hat, ist es häufig am günstigsten, eine direkte Konfrontation unter Anwesenheit des Therapeuten durchzuführen. Die angstmachende Wirkung der Situation lässt nach einer Weile nach. Eine derartige Reizkonfrontation (auch Reizüberflutung genannt) bedarf einer guten transparenten und vertrauensvollen Vorbereitung in den Therapiesitzungen und ist im Normalfall nur ein Teil der Behandlung. Diese "Rosskur" ist ein wirksames Mittel, um bei phobischen Ängsten oder Zwängen die Probleme abzubauen. Der Klient erlebt, dass die Angst bei der Konfrontation nachläßt und das tatsächlich nichts Schlimmes passiert. Der Klient lernt im Anschluss, sich selbst in Alltagssituationen zu konfrontieren. Bei panikartigen Ängsten (Panikattacken) hat sich ein Verfahren bewährt, wo in der Therapiesituation bei Panik auftretende Symptome bewusst produziert werden. Dieses bewusste Auseinandersetzen mit den Symptomen macht ebenfalls erlebbar, dass das Befürchtete nicht eintritt und ermöglicht es, die körperlichen Symptome und gedanklichen Prozesse neu zu bewerten.

METHODEN DER SELBSTSTEUERUNG

Techniken der Selbststeuerung oder Selbstkontrolle sind dann von besonderer Bedeutung, wenn sich jemand in einem Konflikt zwischen einer angenehmen positiven Konsequenz und einer langfristig negativen Konsequenz bei der Ausführung eines bestimmten Verhaltens befindet. Ein Raucher zum Beispiel erlebt kurzfristige positive Konsequenzen seines Verhaltens in Form von Ablenkung oder Genuss, hat aber auch immer wiederkehrende Gewissensbisse, weil er weiß, dass das Rauchen langfristig ungesund ist.

Folgende Methoden können hier helfen:
bulletGezielte Selbstbeobachtung: Ein Raucher kann vor dem Anzünden der Zigarette diesen Vorgang protokollieren. Diese Beobachtung ist einerseits eine Voraussetzung der Selbststeuerung, hat aber auch schon eine therapeutische Wirkung.
bulletStimuluskontrolle: Hier geht es darum, die Bedingungen, unter denen ein unerwünschtes Verhalten auftritt, systematisch zu reduzieren. Unser Raucher könnte sich verpflichten, jeweils nur eine Packung Zigaretten im Haus zu haben oder alle Aschenbecher in der Wohnung bis auf den einen Aschenbecher auf dem Balkon abzugeben.
bulletVertrag machen: Ein Raucher kann sich gegenüber sich selbst und auch gegenüber dem Therapeuten verpflichten, in der nächsten Woche die Anzahl der gerauchten Zigaretten um eine bestimmte Anzahl zu reduzieren.

Diese Techniken sind auch bei anderen Problemen wie Übergewichtigkeit, Alkoholproblemen oder Lern- und Arbeitsproblemen einsetzbar. Selbststeuerungsmethoden können dem Klienten helfen, die Kontrolle des eigenen Verhaltens wieder selbst zu übernehmen.

TRAINING SOZIALER KOMPETENZ

"Soziale Kompetenz" ist ein anderer Begriff für "Selbstsicheres Verhalten". Darunter versteht man in der Verhaltenstherapie die Fähigkeit, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und nach außen zu vertreten. Ein selbstsicherer Mensch kann sich frei entscheiden, ob er sich durchsetzen will oder besser nachgibt. Entscheidet er sich, seine Rechte und Interessen durchzusetzen, so macht er dies, ohne die Rechte des anderen zu verletzen. Soziale Kompetenz ist damit ein Mittelding zwischen Unsicherheit und aggressivem Verhalten. Allgemeine Fähigkeiten sozialer Kompetenz lassen sich gut in einer Gruppe erlernen; in der Einzelbehandlung stehen dagegen die speziellen Probleme des Klienten im Vordergrund. Geübt werden die Unterscheidung von selbstsicherem, selbstunsicherem und aggressivem Verhalten zunächst anhand von Beispielen. Spezielle Alltagssituationen lassen sich in Rollenspielen dann übend nachspielen. Hier kann man kleinste Aspekte in Ruhe analysieren (sehr gut mit der Aufzeichnung durch ein Videogerät, wo man einzelne Sequenzen im Zeitlupentempo betrachten kann). In der Gruppe und/oder durch den Therapeuten bietet sich die Möglichkeit, positive Modelle zu studieren. Auch beim Training sozialer Kompetenz ist es sehr wesentlich, zwischen den Sitzungen im Alltag zu üben.

Allen in der Verhaltenstherapie eingesetzten Methoden geht eine umfassende Erhebung der Probleme und Symptome voraus. Anschließend erstellt der Therapeut eine Verhaltensanalyse. Er fragt nach den Auslösern und aufrechterhaltenden Bedingungen von Problemen. Aus dieser Verhaltensanalyse leitet er die Therapieziele ab. Erst dann setzt er  in Absprache mit dem Klienten Methoden wie die obigen ein.

Stand der Informationen: 17. Mai 2009

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